(k)ein one-and-only

Manchmal hat ein Therapeut eine Art Therapeuten-Monopol im Leben eines Patienten; das heißt, er hatte weder einen Vorgänger noch einen Nachfolger, da der Patient weder zuvor noch danach eine andere Psychotherapie benötigte. Es gibt aber auch Begegnungen, in denen der Therapeut nicht der one and only ist, sondern sein neuer Patient, den er gerade kennenlernt, hatte bereits vorher eine oder in selteneren Fällen sogar mehrere andere Psychotherapien.

Handelt es sich um die allererste Therapie im Leben eines Patienten, können die beiden Protagonisten dieser Ersttherapie noch ganz frisch und im besten Sinne naiv, das heißt ohne Bedenkenträgerei oder gar diesen Jetzt-muss-es-aber-endlich-mal-zünden-Ehrgeiz, der sich bei einer Zweit- oder Dritttherapie einstellen könnte, an die Sache rangehen. Die Konstellation lässt an den unwiderstehlichen Optimismus Frischverliebter denken.

Ehrgeiz ist leider nicht auszuschließen, wenn es sich um eine Zweit- oder gar Dritt-Therapie beim selben Therapeuten handelt. Diese Patienten und ihre Therapeuten haben auf den ersten Blick einen Vorteil: man weiß beiderseitig, was drin ist in dem sich darbietenden Psychopäckchen, und ist vor Überraschungen eher gefeit, verglichen mit Ersttherapien, die doch auch etwas Experimentelles haben. Ein weiterer Vorteil ist oft, dass es kann sehr hilfreich sein kann, auf eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung zurückzugreifen. Das Problem ist allerdings manchmal, dass man als Therapeut eventuell nur glaubt zu wissen, was drin ist, und seine einstigen Überlegungen nur wiederholt, anstatt sie neu zu denken und sich erneut den Eindrücken vorurteilsfrei zu öffnen. Und auch auf Patientenseite ist es gelegentlich problematisch; denn manche Wiederkommer wollen gerade deswegen wiederkommen, weil sie das Gewohnte einer unübersichtlichen, riskanten neuen Erfahrung vorziehen. Thunfisch im eigenen Saft.

Eine dritte Gruppe soll nicht unerwähnt bleiben: hier hat es der Therapeut mit einem Menschen zu tun, der kein therapeutisch „unbeschriebenes Blatt“ ist, sondern in fernerer oder näherer Vorgeschichte bei einem anderen Fachkollegen um Hilfe gesucht hat. Was steckt dahinter, dass der Patient seinem früheren Therapeuten untreu ward? War er unzufrieden? Oder hatte er den Eindruck, der Therapeut war nicht zufrieden? Hatte er sich nicht verstanden gefühlt? Hat der Vorbehandler ihn irgendwann gegen seinen Wunsch ziehen lassen, weil alles, was möglich schien, erreicht worden war? Oder wirkte der Extherapeut so auf ihn, dass man sich nie ganz anvertraute, da man fürchtete, er breche dann zusammen, wenn man wirklich auspackt? Hätte der Patient eigentlich gerne wieder zu ihm gehen wollen, hat aber dann festgestellt, dass er gestorben, umgezogen oder zeitlich überlastet ist? Fragen über Fragen. Manche dieser Patienten haben mit ihrem früheren Therapeuten schon soviel Vorarbeit geleistet, dass man jetzt, zu einem späteren Zeitpunkt, eigentlich nur noch alles verarbeiten und sacken lassen muss; den Transfer der Einsichten in den Alltag bewältigen. Schwieriger wird es, wenn der Hilfesuchende mit anhaltender Symptomatik kommt und das Gefühl hat, nichts aus der vorangegangenen Therapie habe ihm bisher geholfen. Hier muss eingehend überlegt werden, woran das lag. Meistens ist es nicht so einfach, wie man denkt. Und meistens ist die Erklärung  auch nicht vollständig, wenn man lediglich annimmt, es sei halt ein schlechter Therapeut gewesen. Manchmal war es aber der „falsche“ Therapeut: der falsche Therapeut für den Patienten, weil der Patient sich nie richtig wohl fühlte und kein Vertrauen hatte, oder der berühmte Draht sich nicht einstellte – der Patient aber dennoch viele Monate oder sogar Jahre in dieser Therapie verblieb. Dieser Beweis für geduldiges Sitzfleisch birgt viel Stoff für neue Fragen!

Insgesamt finde ich es sehr aufschlussreich, zu überlegen, was früher gewesen ist – was geholfen hat und was nicht… und die Erkenntnisse gleich mal klug zu nutzen. Denn für langweilige Wiederholungen ist das Leben viel zu kurz!