Von Wirkungen und Nebenwirkungen

Das Phänomen der Erstverschlimmerung existiert zwar, aber es gibt auch das Gegenteil: manche Patienten sind nach dem Erstgespräch kaum wieder aus dem Therapiezimmer draußen, da beobachten sie oft, dass es ihnen schon einmal „sehr gut getan hat“, mal alles zu erzählen. Da ich fest überzeugt bin, dass Psychotherapie hilft, geht allerdings kein Weg dran vorbei, sich die möglichen Nebenwirkungen doch mal genauer anzuschauen.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich,  dass etwas wirkt, wenn es so gar keine Nebenwirkungen hat. Dieses Prinzip kann man auch ohne Schwierigkeiten der Psychotherapie zuordnen: wo Sachen besprochen werden, wird etwas „aufgewühlt“, es kommt, um Patienten selbst zu zitieren, „vieles hoch“ bzw., bei Jugendlichen oft zu hören, „poppt was auf“ und dadurch, so die verbraucherorientierte Erklärung, können sich in der Anfangsphase einer Psychotherapie durchaus die Symptome verschlimmern. Ansonsten galt die Psychotherapie lange als viel nebenwirkungsärmer als andere, z.B. medikamentöse Behandlungsmethoden. Im Rahmen der in den 90er und 2000er Jahren wieder stark angestiegenen wissenschaftlichen Erforschung schneidet die Psychotherapie, das muss man anerkennend sagen, in Sachen Wirkungsnachweis ziemlich gut ab; allerdings gewann, etwas zeitversetzt, dadurch auch die  Erforschung der Nebenwirkungen wieder mehr Beachtung.

Da gibt es zum einen Nebenwirkungen, die gar nicht aus dem psychotherapeutischen Prozess erwachsen, sondern lediglich aus der Tatsache, dass jemand eine Psychotherapie durchführt (und das öffentlich macht): er wird in gewisse Schubladen gesteckt von seiner Umwelt. Böse Zungen nennen das Stigmatisierung; man könnte auch sagen, es werden in der Umgebung Vorurteile geweckt, die von „armer Kerl (oder Kerlin), wenig belastbar, braucht Hilfe“ bis „Weichei, wird nicht mehr zu gebrauchen sein“ reichen. So können insbesondere bei bestimmten Lebens- Berufsunfähigkeits- und privaten Krankenversicherungen psychotherapeutische Behandlungen in der Vorgeschichte dazu führen, dass ein Vertragsabschluss erschwert ist. Auch in bestimmten Berufsfeldern, allen voran im juristischen Bereich, existieren noch viele Zweifel, ob jemand mit einer Psychotherapie im Gepäck ein guter Anwalt oder Staatsdiener sein könnte. Da könnte man sich fragen, ob man das Thema der Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit nicht auch umgekehrt, d.h. für Lebensläufe ohne Psychotherapie, durchdeklinieren könnte. Denn die Inanspruchnahme zeugt doch zumindest von der Einsicht, dass man Probleme hat, und vom Wunsch, diese zu lösen. Wer eine Psychotherapie macht, hat Probleme. Umkehren kann man diesen Bedingungssatz nicht so einfach: Wer keine Psychotherapie macht… hat nämlich  eventuell auch Probleme. Nur keine Einsicht und/oder keinen Veränderungswillen.

Dann gibt es zu anderen noch die eigentlichen, von der psychotherapeutischen Behandlung selbst ausgelösten Nebenwirkungen. Zum Beispiel kann man als Therapiepatient Stress mit seiner Mutter bekommen, indem sie ins Nachdenken kommt, eventuell nagende Schuldgefühle hat, etwas falsch gemacht zu haben, und ebenfalls Therapie braucht. Der gleiche Mechanismus ist auch manchmal bei Partnern zu beobachten. Eben noch psychoargwöhnische Therapiebelächler, werden sie nervös, was da über sie geredet wird, ob sie schlecht gemacht oder sogar verlassen werden. Eine weitere Nebenwirkung, die soziale Isolation des Therapiepatienten, ist nicht gewollt und tritt dennoch häufig ein, da er während der Behandlung zu merken glaubt, dass nur der Therapeut ihn wirklich versteht und die anderen nur seine angepasste Seite erleben wollen. Eine ernste Sache, der Therapeut wird zum Ersatzfreund, – nachbarn oder –vater und die beiden sind ein never losing team geworden gegen den Rest der unanalysierten naiven Welt. Manchmal, insbesondere bei längeren Therapieverläufen, kommen wir hier zum Risiko des Ersatzlebens. An dieser Stelle soll eine weitere Nebenwirkung nicht verschwiegen werden, die sich insbesondere bei längeren Therapieverläufen einstellt, denen eines Tages die Krankenkassen die Gefolgschaft verweigern. Ich meine die finanzielle Abhängigkeit des Patienten, die dann aus eigener Tasche bezahlen und nicht mehr genau erkennen können, ob dies weiter für sie nützlich ist oder ob es vor allem dem Problem geschuldet ist, sich abhängig zu fühlen vom Behandler.

Bei den besonders gewissenhaften Patienten, die sich mit der geplanten Therapie ausführlich innerlich auseinandersetzen, braucht es manchmal lange, um sich mit der Methode und mit mir einig zu werden und den Therapieantrag für die Krankenkasse zu unterschreiben. Sie haben Sorge, worauf sie sich einlassen. Und was dabei herauskommen mag. Nun, ein gewisses Wagnis mit offenem Ausgang ist eine tiefenpsychologische Behandlung schon, ganz entsprechend dem anfangs erwähnten Prinzip: keine Wirkung ohne Nebenwirkungen. Eine Nebenwirkung stellt sich ein bei korrekt durchgeführter Therapie; eine unerwünschte Wirkung, die bei korrekter Therapie zwar nicht vorkommen sollte, dafür aber von manchen Patienten und deren Angehörigen  gefürchtet wird, ist die der Hirnwäsche. Nun ließe sich das Risiko eines unfreiwilligen Reinigungsvorgangs minimieren, wenn der Patient aktiv mitarbeitet in der Therapie – und sich von Zeit zu Zeit erst für sich alleine, dann im Gespräch mit dem Therapeuten, darüber Gedanken macht, wie es denn bisher gelaufen ist bei der Behandlung. Einen inneren Hubschrauberflug antritt sozusagen, bei dem er ein Zwischenresumee macht. Denn er ist derjenige, um den es geht.