Das Ende vom Schwein

Es ist meistens ein Zeichen der Besserung, wenn depressive Patienten mir spontan ihr Lebensmotto verkünden – oder besser gesagt, dieses wiederfinden, zum Beispiel weil es im Morast grüblerischer Melancholie länger verschollen war und im Laufe der Therapie wieder hervortritt. Einer meiner Patienten hatte schließlich im dritten Jahr nach dem Tod seiner Gefährtin bei mir vorgesprochen, weil ein Freund ihm sagte, so geht es nicht weiter. Wir erarbeiteten schrittchenweise die Einsicht, dass er seit diesem schmerzlichen Todesfall so lebte, als sei sein Leben ebenfalls vorbei. Er sah keine Zukunft für sich. Der Abschied war ein riesen Thema, er brauchte sehr lange, den Verlust zu akzeptieren. Wenn während der Zeit seiner Behandlung jemand in der Umgebung starb, brach alles wieder aus ihm heraus, und wir mussten von neuem geduldig anfangen, die Verluste zu ordnen, die Frage der Beerdigungsteilnahme zu überlegen und den Blick, zaghaft, wieder in seine Zukunft lenken.

Neulich brachte dieser Patient mich, das will was heißen, zum Lachen. Um es milde auszudrücken. Ich hatte einen Lach-Anfall. Ihm ging es seit einigen Wochen besser. Er berichtete, dass er derzeit viel Energie darauf verwende, einem Freund beizustehen, der von seiner Ehefrau abrupt betrogen und dann ebenso abrupt verlassen worden sei. Er kümmerte sich rührend, schleifte ihn zum Therapeuten (!), redete ihm gut zu, dass nicht alles Gold gewesen sei, was da seitens der Gattin geglänzt hatte. Es könne doch auch ein neuer Anfang sein! Das Gute im scheinbar Schlechten! – Ich atmete flacher. – Und er habe außerdem dem Freund sein „Lebensmotto“ mitgeteilt. – Ich wurde immer neugieriger. – Ihr Lebensmotto? – Ich konnte es kaum erwarten. – Sie haben ein Lebensmotto? Das will ich hören! – Und er verkündete stolz: Das Ende vom Schwein ist der Anfang der Wurst!

Foto oben: Sendung Planet Wissen, 2006 (ARD)