Rentendämmerung

Häufig entpuppt sich der Zeitpunkt, an dem beide langjährigen Partner durch das Schicksal ihres gemeinsam erreichten Alters gezwungen sind, ganztägig zusammenzuleben, als paardynamischer Krisenherd. Die Verrentung, eigentlich ersehnt, wird zum dramatischen Einschnitt einer bis dato aufgrund ein- oder beiderseitiger Berufstätigkeit einigermaßen geölt laufenden Partnerschaft. Die gedankliche tunnelförmige Einengung im Vorfeld auf das, was endlich vorbei ist (Berufsverkehr, frühes Aufstehen, nervende Kollegen, neue Computerprogramme) führt zu einer sich bald rächenden Vernachlässigung der Frage, was denn nun beginnt. Derjenige, der in Rente geht, freut sich meistens drauf, ob Frau oder Mann. Anders sieht es da schon aus, wenn man denjenigen betrachtet, der bereits in Rente befindlich ist und der auf die zeitnah in Aussicht stehende Berentung des Partners mit etwas bangen Gefühlen warten muss. Hier sind nach meiner Erfahrung deutliche Geschlechterunterschiede zu beobachten. Frauen sind oftmals vorausschauender und aktiv um Verbesserung ihrer Lebensqualität bemüht (Literaturkreis, vegane Ernährungsumstellung, spanisch lernen), während Männer hier zumeist pragmatischer und weniger experimentierfreudig sind (endlich mehr Zeit für den alljährlichen Pflanzenrückschnitt, und ansonsten für die… Couch); sie merken erst nach langer Zeit relativer Tatenlosigkeit, was sie da für eine unangenehme, als unabänderlich hinzunehmende Lebensphase ereilt hat.

Der Begriff der „Rentendämmerung“ besitzt in Bezug auf den ähnlich klingenden Begriff Götterdämmerung zwar eine sprachliche, aber keine inhaltliche Verwandtschaft. Denn während sich die „Götterdämmerung“ auf germanische Gottheiten bezieht, besungen in Richard Wagners viertem Teil seines „Ring des Nibelungen“, verfügt die Rentendämmerung über deutlich weniger musikalische Strahlkraft, birgt aber ansonsten aufgrund ihres ubiquitären Auftretens eine weltumfassende Relevanz und hat insofern dem Besuch von stundenlangen Wagneropern schon lange den Rang echter Lebensprobleme abgelaufen.

Auf Reisen gehen ist ein häufiger Problemlösungsversuch – zumindest für die, die sich das leisten können. Die gemeinsame Fokussierung des anderen Fremden eröffnet nämlich die Möglichkeit, nicht andauernd miteinander zurechtkommen zu müssen. Aber man kann ja nicht dauernd reisen.

Schon fünf vor Zwölf und noch keiner hat nachgedacht

Das Tückische ist die immer wieder beobachtbare naive Freude im Vorfeld, die einer umso tieferen Ernüchterung Platz macht. Gab es vor der Rentendämmerung häusliche Hoheitsgebiete, geraten nach der Rentendämmerung Schritt für Schritt altgediente Rollenmodelle ins Wanken. Ganz schlimm ist dies vor allem in der Küche zu beobachten, wo sich plötzlich Gräben unvereinbarer hauswirtschaftlicher Kennerschaften auftun; während er der Meinung ist, sie beim Einkauf begleiten (und beraten) zu sollen, möchte sie die kurzen Freigänge in den Supermarkt nutzen, um mal zu sich zu kommen. Den Anschauungsgipfel ruheständlerischer Seniorenkonflikte lieferte ein Paar, das vehement forderte, zu zweit bei mir auftauchen zu dürfen, damit der eine aufpassen konnte, ob der andere mir etwas Falsches über ihn erzählt.

Ein Jahr nach Bismarcks Tod hat ein emsiger, bismarckverehrender Architekt eine Idee gehabt und schuf einen Entwurf für einen Turm, den er ‚Götterdämmerung‘ nannte und der in zigfacher Ausführung das Land überziehen sollte und an bestimmten Gedenktagen des Kultpolitikers sollten dann mittels einer integrierten Feuerstelle 410 Türme zum synchronen Leuchten gebracht werden. Das stelle ich mir in etwa so vor wie heute eine via Facebook organisierte Party. Ich muss sagen, wenn auch diese kühne Idee trotz weit über 200 tatsächlich bereits erbauter Türme dann doch letztlich abgeblasen wurde, so schenkt sie uns Nachgeborenen immerhin die modellhafte Ermutigung, sich mehr zu vernetzen und die Geborgenheit der Gruppe (Herdenwärme) aufzusuchen. Dazu bedarf es ja nicht grundsätzlich eines verehrten und berühmten Anführers. Zumal diese ebenfalls oft mit ihrer Rentenzeit hadern und dem Zenit Ihrer Popularität zum Trotze mit qualitativen Einbußen von sich reden machen.