Einsatz-Erziehung

Selbstverständlich ohne dass es so geplant war … ist mir eine zweideutige Überschrift für diesen Beitrag eingefallen – man kann das mit der Einsatzerziehung uniformmäßig oder auch sprachwissenschaftlich verstehen. Aber trotz der inhaltlichen Unschärfe habe ich beschlossen, den Titel so zu belassen. Es ist schon beeindruckend, wie Sätze Weltgeschichte schreiben. Jedem fallen natürlich andere Sätze ein, ich erinnere nur an: Mein Bauch gehört mir oder Wir sind das Volk oder veni vidi vici… Das psychotherapeutische Problem an der Sache ist, dass die durchschlagende Wirkung von Sätzen auch auf der ganz persönlichen, individuellen Ebene gilt – und da leider nicht nur Gutes anrichtet. Einst im tiefen Mittelalter erfunden, um den Menschen in Ermangelung eines verlässlichen Rechtsrahmens wenigstens eine basale Ordnung beizubringen und von allzu übertriebenem Herumgammeln und gegenseitigem Abschlachten abzuhalten, bedienen sich solcher Sätze heutzutage besonders die Eltern beim Versuch, ihre Schäfchen in der rechten Spur zu halten. Sie leihen sich dabei (manchmal ohne es zu wissen, weil sie sich offiziell als Atheisten, Buddhisten oder Reformpädagogen sehen) alte, oftmals religiös scheinende geflügelte Worte aus und können, wenn sie es geschickt und eindrücklich genug darbieten, damit Neurosen züchten, deren Widerstandsfähigkeit durch Jahrzehnte des Erwachsenendaseins ungebrochen bleibt. Der Therapeut stößt auf Sätze wie: Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen. Kindern vergeht dabei die naive Lust daran, sich wohl zu fühlen; und Erwachsenen manchmal immer noch. Überhaupt ist das Sich-Wohlfühlen offenbar ein besonders bekämpfenswerter Status, in Nordbaden heißt es jedenfalls häufig Vögel, die morgens singen, holt abends die Katz´. Eitelkeit und allzu offensichtliches Selbstbewusstsein fallen ebenfalls der Einsatzerziehung zum Opfer: Hochmut kommt vor dem Fall und Hoffarth muss Not leiden. Wer es sich zu leicht macht, indem er durch intelligente Vorausschau beim Säumen eines Rockes den Faden so lang lässt, dass er nicht zwischendurch neu vernähen und einfädeln muss, der beweist damit: Langes Fädchen – faules Mädchen. Und um die Faulheit weiter zu thematisieren: Ein nach einem Selbstmordversuch sich an mich wendender Patient mit herausragendem Studiumsabschluß berichtete mir von der väterlichen Losung: Früh auf und spät darnieder, iss´ rasch was und arbeit´ wieder Den Eltern sollte man bei all diesen Sätzen nicht widersprechen, denn: Ehre das Mutterherz, solange es lebt, denn wenn es gestorben ist, ist es zu spät. Überhaupt scheint Demut bei der Einsatzerziehung hoch im Kurs zu stehen, und die Ersten werden die Letzten sein. Ich hatte einmal eine Patientin, die von ihrem neuen Chef so mies behandelt wurde, dass sie ihm eigentlich hätte kalte Spaghetti ins Gesicht schütten sollen, stattdessen brachte ihm auch noch kleine Geschenke mit; Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber spricht nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Leider wird das, was du in kirchlichem Kontext hörst, so oft missbraucht und banalisiert. Bei der Einsatzerziehung haben wir es also durchaus mit einer Art verbalen Heiratsschwindels zu tun – sie gibt tiefe Liebe vor, den gut gemeinten elterlichen Rat, aber eigentlich geht es doch nur um das Durchsetzen von Forderungen.

Interessanterweise höre ich solche Sätze selten am Anfang von Therapien. Sie tauchen erst später auf, im Verlauf, wenn der Patient eine erste Ahnung davon bekommt, dass es sich um Sätze und nicht um Grundgesetze handelt, und dass er möglicherweise den einen, ihn prägenden Satz ein bisschen zu oft gehört hat, um sich noch ausreichend darüber seine eigenen kritischen Gedanken machen zu können. Nun tut sich gott(!)lob die Möglichkeit auf, Gegensätze zu bilden. Als universelles sprachliches Antidot eignet sich zum Beispiel ein Ausspruch von Francis Picabia: Der Kopf ist rund, damit unser Denken die Richtung ändern kann.