Hamstern

Worüber man in diesen ansonsten ziemlich belastenden Tagen gottlob etwas lächeln kann… sind die sogenannten Hamsterkäufe und die Menschen, die dahinter stehen. Aber ist es das nicht gerade: das Menschliche, das uns dazu verleitet, in Zeiten der Verunsicherung wenigstens irgendetwas zu sichern? Und ist es nicht naheliegend, dafür auf Archaisches zurückzugreifen – als Baby wurden wir alle trockengelegt, sauber gemacht, abgewaschen.

Wenn wir nun denken, wir seien anders, wir seien  keine Hamsterkäufer, und hätten daher das Recht, auf die Hamsterkäufer herabzublicken, sollten wir uns vorher fragen, ob wir nicht vielleicht etwas anderes horten. Allerorten ist es zu erleben: nur noch einmal, weil der Schwiegersohn Geburtstag hat, Burritos kaufen gehen drei Strassen weiter. Nur noch einmal die Hochzeit feiern mit 100 Gästen (sic!) kurz vor Verhängung der Ausgangssperre. Und die Prüfung, auf die wir jahrelang hingearbeitet hat, die wollen wir doch auch noch schnell mitnehmen, oder? Noch eben das länger geplante Treffen mit Freunden machen, hinten im Garten, ganz trickreich, wo es keiner sieht, weil man endlich den neuen Grill einweihen möchte. Und, bitte, man sei doch so wichtig und das, man der Belegschaft zu sagen habe sowieso, das passe nicht zu einem Videomeeting, man brauche den lebendigen Dialog, als Ausnahme natürlich, als Sondergenehmigung. Das ist auch Hamsterkaufen.

Die tiefe Beschädigung unseres narzisstischen Systems hört ja nicht bei der körperlichen Bedrohung auf. Sie umfasst uns als ganzen Menschen, der plötzlich gar nicht mehr bedeutsam ist, sondern von einem auf anderen Tag nach hause geschickt wird, seine Arbeitskraft wird plötzlich nicht mehr gebraucht, auch nicht seine kreativen Werke, seine körperliche Präsenz ohnehin nicht, im Gegenteil gemieden, seine Identifizierungen und jahre- oder jahrzehntelangen Überzeugungen und Expertisen sind nicht mehr wichtig, alles, was ihn ausmacht, ist nicht mehr „systemrelevant“ außer sein physisches (Über)leben, zu dessen Schutz ja die ganze Umwälzung der Gesellschaft gerade stattfindet.

Von dieser Problematik sind die Mitarbeiter in den Krankenhäusern, Regierungen, Gesundheitsämtern und Zustelldiensten völlig befreit. Aber tauschen will dennoch keiner mit ihnen.

Ein Liedtext fällt mir dazu ein, ein altbewährter Partyhit von Tony Marshall: „Einer geht noch!“ Soll nicht bei aus dem Ruder gelaufenen Parties vieles beschleunigt worden sein, was wir jetzt betrauern müssen? Am Ende des Songs wacht jemand auf und weiß gar nicht mehr, was er eigentlich angestellt hat. Kopflose sind wir geworden.