Und lass´ die Uhren alle stehen

 

Leider ist es für die meisten Menschen nicht gerade einfach, sich an den Überlegungen der Marschallin aus dem „Rosenkavalier“ zum Älterwerden zu orientieren, die sie in einer langen Betrachtung am Ende des ersten Aktes ausdrückt. Sie philosophiert da über die Vergänglichkeit, und man merkt, sie leidet ohne zu klagen. Manchmal steh´ ich auf, mitten in der Nacht, und laß´ die Uhren alle stehen. Aber dazu später mehr.

Wir Menschen verfügen über die Fähigkeit, der Wahrheit über unsere Endlichkeit mehr oder weniger ungefiltert ins Gesicht zu sehen. Manche versuchen, sich wenigstens jung zu geben, stattdessen beklagen manche anderen lediglich, dass sie nicht mehr jung sind. Wenn ich so darüber nachdenke, dann erscheinen mir die ersteren doch oftmals als die angenehmeren Zeitgenossen. Unter den Wehklagenden über das Altwerden finden sich viele, die sich im Drogeriemarkt und im Internet mit medizinischen Jugendlichkeitsversprechungen versorgen. Und tatsächlich ist es sehr imposant, sich da einmal zwischen den meterlangen Regalen umzuschauen. Die Sache mit den Vitaminen, einzeln oder in allen erdenklichen Kombinationen, ist ja nun kein besonderer Renner mehr. Mittlerweile geht es um liebenswerte Fette ohne kriminelles Potential, um Mineralien und Tees zum Entschlacken und eklig schmeckende Smoothies, die dem Vitamin C–Pulver der 80er Jahre längst den lebensverlängernden Rang abgelaufen haben. Völlig Überflüssiges findest Du da im Gewand moderner Schatztruhen wie z.B. mit goldenem Herbstlaub verzierte Helferlein für die Gehirnfunktion zur Alzheimervermeidung. Die Kunden in diesen Regalreihen machen, im Gegensatz zu den Sich-jung-Gebern in der Make Up – Abteilung, ein sehr wichtiges Gesicht, ernst und hochkonzentriert so wie die akribisch ausgewählten Inhaltsstoffe, mittels derer sie versuchen, sich später einmal keine Vorwürfe machen zu müssen, wenn sich doch irgendwelche Altersbeschwerden einstellen sollten.

Zahlenmäßig kleiner, aber nicht weniger interessant, erscheinen diejenigen, die davon überzeugt sind, weiterzuleben. Sie waren früher oder sind zukünftig auffallend oft schöne Tempeltänzerinnen, und diese Erinnerung oder, sagen wir, Zukunftsaussicht, verleiht ihnen zwar keine echten Flügel, aber ihre hoffnungsträchtigen Visionen lassen sie strahlen.

Eine der meiner Ansicht nach hilfreichsten Aussagen über das Alter trifft die Marschallin im „Rosenkavalier“: Nicht quälen will ich dich, mein Schatz. Ich sag, was wahr ist, sag´s zu mir so gut wie zu dir. Leicht will ich´s machen dir und mir. Leicht muss man sein: mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen …Die nicht so sind, die straft das Leben und Gott erbarmt sich ihrer nicht.

Als Jungbrunnenfanatiker im Drogeriemarkt hast du diese Strafe schon; der ganze Kram ist teuer, wirkt nicht und du musst dich auch noch dauernd darüber auf dem Laufenden halten. Da sind die Make-Up-Artisten schon näher am Lebenskünstlertum: sie machen das Beste draus und richten sich her, geben dem Leben die ästhetische Ehre. Die Kategorie der Weiterleber ist vermutlich am allerbesten dran, es sei denn, sie landen im nächsten Leben als abschauender Hund und ahnen es schon.