Aufbauen

Die Psychologisierung unserer Gesellschaft ist fortgeschritten. Auch im Fernsehen ist die „psychologische“ Therapie längst angekommen; wenngleich eher in Form solcher Aufräumer-Sendungen. Ein berühmter Koch, eine nette, aber kompromisslose Innenarchitektin, ein gnadenloser Entrümpler, eine beflissene Stylistin und so weiter, schauen nach dem Rechten bei besonders krassen Fällen und sagen dann, so geht das nicht weiter, und geben dem Protagonisten konkrete Hilfestellung. Das naive, hilflose oder einfach nur mangelhaft informierte Opfer wird von der kompetenten Fachberatung und der medialen Veröffentlichung gleichermaßen wieder aufgebaut. Psychotherapie ist das natürlich nicht, aber im Einzelfall bestimmt ein Segen.

Aufgebaut werden ist nichtsdestotrotz eines der am meisten benutzten Wörter, wenn Patienten ihren Wunsch an die Therapie, ihr persönliches Behandlungsziel, auf einen Punkt bringen sollen. Es erinnert doch irgendwie an „Vita-Sprint“, diese in Flammendrot eingefärbten Trinkampullen für ältere Menschen, die sich wieder so richtig fit fühlen wollen und nach Genuss der Wunderwaffe in jugendlichen Turnschuhen durch frühlingshafte Gärten springen. Aufgepäppeltwerden habe ich auch manchmal als Zielsetzung gehört, aber eigentlich passt das nicht richtig, da doch auffallend häufig weibliche Therapeuten gewünscht werden, so dass es eigentlich aufmämmeln heißen müsste. Häufig wird einem als Psychotherapeut die Aufbauarbeit von einem Hausarzt abgenommen, der „Aufbauspritzen“ verabreicht.

Seit Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts sollte die Therapie vor allem der Selbstoptimierung dienen, man wollte mehr Selbstwertgefühl entwickeln, sich nicht mehr unterkriegen lassen, leistungsfähiger und funktionstüchtiger werden und, vor allem, aufgebaut werden. Und spätestens seit Mitte der neunziger Jahre in einer großen deutschen Frauenzeitschrift schwarz auf weiß in einer Zehn-Punkte-to-do-Liste dafür geworben wurde, im Falle einer Trennung sich therapeutische Hilfe zu holen, um sich wieder „aufbauen zu lassen“, ist der Aufbau als Ziel einer Psychotherapie, oder gar als deren alleiniger Inhalt, salonfähig geworden.

Wenn ich was sage, dann kann das für Patienten, die „aufgebaut werden“ wollen, wie eine lästige Unterbrechung rüberkommen. Denn sie haben ihr Programm für die Psychotherapie, schon bevor sie das erste Mal zu mir kommen. Es geht ihnen nicht um Selbsterkenntnis oder Selbsterfahrung, sondern um eine, nennen wir es milde, ichbezogene Bewegung in ihrem Leben, oft nach einschneidenden Kränkungen oder Phasen von zuviel Selbstaufopferung. Ich bin in solchen Fällen eher flankierend eingesetzt – etwa so, wie die zahlreichen Statisten, derer sich manche Theaterstücke bedienen, um den Aufwand der Aufführung in Grenzen zu halten. Überhaupt, vielleicht wäre das die Lösung: der Therapeut schweigt. Ich habe mal gelesen, dass ein guter Therapeut seine Patienten nicht allzu sehr bei ihrer Therapie stören solle. Und wenn er sich bemüht, möglichst kleine, feine und schmerzlos gleitende Nadeln zu benutzen, dann tut die Aufbauspritze auch gar nicht weh! Ob sie längerfristig nutzt, darf als ungeklärt gelten. Nicht nur die Wirksamkeit von Vitasprint© ist umstritten. Auch zur Psychotherapie sagte C.G. JUNG einmal: „Kein Bewusstsein entsteht ohne Schmerzen“.