Gehirnunwetter

Kopfgewitter
Hier kündigt sich ein Rhythmus-Desaster an

 

Die Migräne ist eine besonders merkwürdige Krankheit, die angeblich besonders oft bemerkenswerte Menschen trifft. Zu den berühmten Krankheitsträgern zählen Leute wie Friedrich Nietzsche, Ludwig van Beethoven oder Vincent van Gogh. Und  auch ihn möchte ich nicht auslassen bei den Kopfschmerzgeplagten dieser Welt… Siegmund Freud soll Migräniker gewesen sein. Bemerkenswerte Menschen? Alles in allem waren diese Männer ja vor allem … ziemlich fleißig und schrieben, komponierten, malten und analysierten zuverlässig und artig vor sich hin. Als besonders intelligent werden sie oft bezeichnet, als Gehirne nahe am genialischen. Doch es gibt Tausende von Leuten, die gar nicht berühmt oder genial sind und einfach bloß Migräne haben. Dass die Erkrankung gelegentlich etwas mystisch und öffentlichkeitswirksam betrachtet wurde, hat vermutlich damit zu tun, dass die Migräniker ihr im Volksmund ziemlich verspottetes Leiden durch solche illustren Leidensgenossen ein bisschen aufpolieren wollen. Da etwa 70 Prozent der Migräniker Frauen sind, gibt es bestimmt auch viele berühmte Frauen mit Migräne, aber die sagen es vorsichtshalber nicht und hüten dieses potentiell stigmatisierende Geheimnis bis ins Ehrengrab.

So ein waschechter Migräniker kann durchaus gewisse Vorurteile wachrufen. Aber wer die Beschwerden kennt, weiß, dass es eine Kunst ist, einem Migräneanfall vorzubeugen oder diesen wenigstens auszuhalten, ohne irgendwie auffällig oder gar verrückt zu wirken.

Kein Wunder, dass die berühmten Migräniker so tolle Werke vollbrachten: Einstein zum Beispiel seine Relativitätstheorie. Denn wenn dein Gehirn einen Systemabsturz hinter sich hat und zwangsabgeschaltet war, dann ist die Phase nach dem Ende des Alptraums ein Hochgenuss. Du könntest Bäume ausreißen. Da bist du natürlich hochkreativ, und wenn du zufällig sowieso ein Genie bist, dann wirst du als Genie mit Migräne gewisse Schaffensüberschwünge verspüren. Es gibt ein berühmtes Jazzstück, das heißt Take five, weil es im außerordentlich ungewöhnlichen Fünfviertel-Takt geschrieben ist. Entgegen unserem üblichen Rhythmusempfinden, das Zweiviertel-, Dreiviertel- und Vierviertel-Takte kennt, und aufgrund dessen die allermeisten Menschen nie spontan einen fünfvierteligen Takt pfeifen würden, ist dieses Stück durchgehend in Fünf-Viertel-Takt komponiert und, das ist das seltsame, es wirkt in sich absolut harmonisch, Menschen in an allen Herrenländern wippen und singen automatisch mit! Ich vermute, Migränegehirne haben auch solch einen normvarianten Takt, nur mit dem Unterschied, dass dieser nicht harmonisch klingt wie Dave Brubecks geniales Take five. Ab und zu legen sie eine Funktionslücke ein, um sich wieder zurecht zu ruckeln, so wie der gregorianische Kalender alle vier Jahre am 29. Februar einen Schalttag einbauen muss, damit´s geordnet weiterläuft.

Gewidmet allen Migränegeplagten.