Jour fixe

Doppelsäulen 1
Detail des Elisabethentors am Heidelberger Schloß (1615)

 

Gottlob gibt es Traumpaare. An jenen kann man sich aufbauen, wenn einem der Glaube an die Gnade des paarweisen Lebensstils abhanden zu kommen droht. Die Eheschließung aufgrund von Liebe ist historisch betrachtet eher eine neumodische Torheit; vor dem 18. Jahrhundert war sie unbekannt und keiner vermisste sie. Allerdings gab es glückliche Zufälle; oder war da doch die Kunst gemeinsamer Beziehungspflege mit im Spiele? Man denke nur etwa an Elisabeth Stuart, die artig einer arrangierten Ehe mit Friedrich V. zustimmte, an der die gesamte europäische Allianz Interesse hatte, nur Elisabeth nicht wirklich. Doch welch´ ein Traumtyp wurde ihr dann schließlich zugespielt: er hatte nicht nur Grips, sprach französisch wie ein Weltmeister und verfügte über Manieren. Aber damit war es noch nicht genug: beide verliebten sich sogar ineinander. Sie waren das Traumpaar Europas und blieben es – mit 12 oder 13 Kindern gesegnet, und die einzigen Skandale waren die kreativen Einfälle, mit denen sie sich ihre Liebe zeigten.
Wieviel kann die Psychotherapie zur wahren Liebe oder, besser gesagt, zu deren Erhalt, beitragen? Es gibt Paartherapien, Paarberatungen, Paargespräche, deren Ausgangspunkt eine Beziehung sein muss, in der es noch etwas zu retten gibt und beide ernsthaft bemüht sind, sich um dieses Gut zu bemühen. Und es gibt Einzeltherapien, in denen die Gespräche sich um die Liebe drehen, vor allem aber um deren Qualen, die sie verursachen kann – sowohl wenn sie da ist, als auch wenn sie fehlt.
Die meisten Patienten, Frauen wie Männer, kommen irgendwann, unabhängig vom Anlass ihres Kommens und der Art ihrer Beschwerden, auf ihre partnerschaftliche Beziehung zu sprechen. Oft geht es ihnen dann um die Frage, ob sie sich „zu sehr anpassen“, zu viele „Kompromisse machen“, sich zu wenig „durchsetzen“.
Sollte neben dem Glück, dessen es bedarf, einen passenden Partner zu finden, auch die eigene Anstrengung, also die liebevolle Pflege einer Beziehung, eine Rolle spielen, dann wäre ich sehr dafür, diesen vielversprechenden Ansatz kreativ auszubauen. Allerdings: eine pompöse Hochzeitsfeier dürfte da schwerlich reichen, stellt sie doch nur den Beginn einer Beziehung und nicht ihren Inhalt dar. Letztere Erkenntnis scheint so manchem abhanden zu kommen, betrachtet man die zunehmende Anzahl der personal wedding planner. Hier wird viel investiert. Als sei damit auch für den weiteren Verlauf des begonnenen Abenteuers alles getan.
Elisabeth und Friedrich jedenfalls dürften sich nicht von Wer-passt-sich-zuviel-an-Gedankengängen haben leiten lassen. Sie hatten noch einen schier antik anmutenden Sinn für wahre Erotik, der  sich nicht an der Rocklänge bemisst. Sie umwarben sich ordentlich, so dass für die Frage, ob man zu viele Kompromisse mache, gar nicht viel Zeit verblieb. Denn man war beschäftigt, sich für den anderen herzurichten, dem Gatten Kinder oder der Gattin einen extra Torbogen mit rechts und links flankierenden doppelten Säulen (welch´ reizende Pärchenmetapher!) als Geburtstagsüberraschung zu schenken – oder auch gemeinsam durch den Heidelberger Schlossgarten spazierengehend zu lachen und zu reden. Nicht die schlechteste Art, der Kunst des sogenannten Zwiegesprächs zu frönen. Früher nannte man das nicht „therapeutisch“, sondern es gehörte dazu. Heute wird von vielen Therapeuten ein einziger Pärchen-Abend pro Woche dafür empfohlen, der sog. jour fixe, und nicht viele Paare schaffen es, diesen einzurichten und durchzuhalten. Dauernd kommt etwas dazwischen.