Wert zu glauben

 

Wertewelten

 

Eine häufige Beschwerde von Psychotherapiepatienten ist der sogenannte zu geringe Selbstwert. In der Formulierung, spätestens aber in dem dahinterliegenden Gedanken liegt schon ein Teil des Problems verborgen: einen „zu geringen Selbstwert“ kann man meiner Meinung nach gar nicht haben, denn alle Menschen haben den gleichen Selbstwert, so dass man von groß, kümmerlich, übergroß, aufgebläht oder mittelmäßig beim Selbstwert nun wirklich nicht reden kann. Also alles Lügner und Übertreiber, die sich bei den Psychotherapeuten tummeln? Mitnichten. Was gemeint ist, ist das Selbstwertgefühl. Und da sind wir bei einem ganz anderen Thema angelangt. Der gefühlte Selbstwert ist tatsächlich großen Schwankungen ausgesetzt, sowohl im Längsschnitt, also dem Lauf eines persönlichen Lebens, aber auch wenn du eine Querschnittsbetrachtung aller selbstwertfühlenden Wesen unseres Landes zu einem bestimmten Zeitpunkt anstellen würdest, wäre hier eine große Variabilität unter den Menschen zu beobachten.

Eine sehr originelle Entdeckung machte einmal ein junger Mann, der sehr darunter litt, dass er seine Freundin intensiv umwarb und sie ihn dennoch „mit Füssen trat“, wie er meinte. Ich sagte ihm, ich verstünde einfach nicht, warum er seinen Wert quasi täglich neu justiere, je nachdem ob seine Freundin nett zu ihm war, sich zickig gab, ihm zum Geburtstag eine schöne Sonnenbrille schenkte, sich heimlich mit einem anderen traf oder ihm während des gemeinsamen Fahrradfahrens vorwarf, dass er zu wenig selbstbewusst sei. Sein Wert stehe doch fest! Ich merkte, dass dies ein völlig neuer, auch irgendwie absurder Gedanke für ihn war. Doch er ließ ihn nicht mehr los. Nach einigen Wochen erzählte er mir feierlich, er habe eine Entdeckung gemacht: es gebe ein einziges vollständiges deutsches Hauptwort, das Buchstabe für Buchstabe aneinandergereiht komplett auf der PC – Tastatur stehe: WERT. Und daran angehängt das Wörtchen ZU. Jedesmal, wenn er sein Laptop aufklappe, müsse er jetzt daran denken, dass sein Wert fest stehe. Und dass er es wert sei, das zu glauben.

Jedesmal, wenn ich mein Laptop aufklappe, muss ich seither daran denken, dass auch mein Wert feststeht und dass ich es wert bin, das zu glauben. Und möglicherweise geht das in Zukunft auch dir so, jedesmal wenn du dein Laptop aufklappst; dass dein Wert feststeht und dass du es wert bist, das zu glauben. Denn Personen mit Problemen beim Selbstwertgefühl sind weit verbreitet. Unerkannt und mitten unter uns.