Trauern

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Manchmal kommt es mir so vor, als sei das Trauern früher einfacher vonstatten gegangen – oder sagen wir, selbstverständlicher. Heutzutage hat es sich stattdessen zu einer Wissenschaft gemausert, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich zu sein scheint; man spricht deshalb auch gerne von „Trauerarbeit“, und davon, dass es nichts schadet, hier einen Spezialisten hinzuziehen. Da die Vereinsamung und mit ihr der Verlust familiärer, geschweige denn großfamiliärer Kultur voranschreitet, zumal auch die massenhaft vorhandenen Freunde sich eher virtuell als physisch blicken lassen, scheinen uns zunehmend Möglichkeiten zu fehlen, uns gegenseitig, quasi als Trauerlaien, beim Trauern zu helfen. Und in einer von Funktionalität und Effizienz dominierten Gesellschaft ist es naheliegend, wenn man professionelle Begleitung beim Leisten von Trauerarbeit in Anspruch nimmt.

Beim Trauern arbeitet man an den Gefühlen. Es ist auch abhängig von der Kultur, in der man sich bewegt. Bei den Japanern gilt es zum Beispiel als unhöflich, auf dem Friedhof zu weinen, und außerdem tragen sie weiß. Und nicht jeder leistet es sich, den Kummer durch Zerreißen von Hemd und Hose kathartisch herauszulassen, so wie es die Juden machen. Apropos Kleidung: im 19. Jahrhundert dauerte die Trauerzeit zweieinhalb Jahre, das erste Jahr und einen Tag trugen die Witwen völlig schwarz, und danach erst gingen sie für ein weiteres Jahr über zu Schwarz kombiniert mit gedämpften Grau- oder Lavendeltönen. In eher bäuerlichen und dörflichen Regionen unseres Landes sieht man gelegentlich heute noch anhand schwarzer Kleidung, dass jemand sich im Trauerjahr befindet, das spart unsensible Fragen und gibt den Trägern einen Schutzraum, weil es farbpsychologisch das Licht und mit dazu all den Tand und Dauerfrohsinn von außen absorbiert. Als ich klein war, gab es, wie vor zwei Jahrhunderten, in meiner Heimatregion noch ein Jahr dazu, ein Schwarz-Weiß-Grau-Jahr, und manche Alte, vor allem die Frauen, blieben gleich schwarz bis zu ihrem eigenen Tode, das waren während meiner Schulzeit die, die in der hintersten Kirchenbank saßen und die man immer in der Kirche sah, wenn man selber da war. Es war eine Art Vorbereitung auf das eigene Ende, und bedeutete nicht, dass diese alten faltigen Gesichter dir kein Lächeln mehr schenken konnten. Der erste November, der Allerheiligentag, wird heutzutage in vielen Gegenden genutzt, um mal wieder richtig zu shoppen zu gehen, weil er in einigen Bundesländern als Feiertag zählt und in anderen nicht. Das fühlt sich vitaler an als alljährlich auf den Friedhof zu gehen und, der dortigen Kälte trotzend, anschließend bei Kaffee und traditionell trockenem Kuchen ein wenig zusammenzusitzen und über die jetzt schon sieben Jahre tote Oma oder den noch immer schwer verwindbaren viel zu frühen Krebstod des Bruders zu reden.

Doch wer über scheinbar altmodische starre Regeln wie Schwarztragen, Nicht-zum-Fasching-Gehen, das Bestellen des Seelenamts in der Kirche oder das unter lautem Wehklagen vonstatten gehende Zerreißen des Oberhemdes lästert, sollte sich doch einmal vor Augen führen, in welch´ ein lückenloses Netz an Vorschriften wir heute eingepfercht sind: es fängt schon damit an, dass man in immer kürzer werdenden Abständen nachlesen muss, wie viel Trauer noch normal ist. Laut einschlägiger diagnostischer Manuale (DSM) war es 1980 noch ein Jahr, 2000 nur noch zwei Monate, und neuerdings empfiehlt die APA (American Psychiatric Association) die Sache nach mehr als 14-tägiger Dauer als medizinisches Problem zu betrachten. Wachsamkeit scheint also angeraten und, angesichts heutiger Wartezeiten bei Psychiatern und Therapeuten, eine prophylaktische Anmeldung zur therapeutischen Begleitung bei Objektverlust. Sollte man innerhalb zwei Wochen doch wieder fit werden und dem Arbeitsmarkt, den alterstypischen Freizeitbeschäftigungen sowie der Partnerbörse bereits in altgewohnter Frische zur Verfügung stehen, dann kann man ja absagen und den Behandlungsplatz einem anderen Trauernden anbieten. So wird der Todesfall als störendes Agens mit krankmachendem Potential für die Lebenden umetikettiert.

Offenbar steuern wir in Sachen Lebens- und Tragödienbewältigung immer mehr auf einen infantilen Ohnmachtsstatus zu. Um einen Menschen zu weinen, war bisher doch noch eine Aufgabe, der zu stellen sich fast alle Erwachsenen wagten – bis ihnen verdeutlicht wurde, dass sie das doch gar nicht länger als zwei Wochen brauchen. Na dann, keep smiling!