Helden des Alltags

Alltagshelden

 

 

 

 

 

 

 

Das Heldengedenken ist ein wichtiges Format des menschlichen Selbstbildes, quasi sein Höhepunkt. Doch worin liegt der Unterschied begründet zwischen Alltagshelden und Superhelden?

Die Superhelden heißen Herkules mit seinen genialen Techniken, mit deren Hilfe er alle erdenklichen Aufgaben löste, Bruce Willis in Stirb´ langsam, Oliver Bierhoff mit dem golden goal 1996 in England, oder auch Adele seit ihrem legendären Auftritt mit Rolling in the Deep in der Londoner Royal Albert Hall. Du schaust Ihnen gerne zu. Und das immer wieder, für solche lustvollen Betätigungen gibt es seit einigen Jahren auch die sich verbreitende Sitte, ganze Spezialheldennächte einzulegen, zum Beispiel eine „007-Nacht“ mit vier James Bond-Filmvideos hintereinander. Selbst im Grunde bereits antik zu nennende Musikkonzerte, Fussballmatches oder Kriegsherren bleiben seit Jahrzehnten auch bei den x-ten Wiederholungen im Quotengeschäft.

Bei den Alltagshelden, die ich hier meine, ist das anders. Zum Beispiel bei denjenigen, die mit einer schweren Krankheit leben müssen. Sie können faszinieren, aber nicht so lange. Danach möchte man wieder Abstand nehmen – weil man im Grunde nicht weiß, wie man ihnen auf Dauer begegnen soll. Und weil sie einem beschämend klar machen, wie gut man es – ohne eigenes Zutun – mit seiner eigenen Gesundheit getroffen hat.

Die Alltagshelden versuchen oft, ihre ganze Intelligenz und Feinsinnigkeit einzusetzen, um für andere angenehm zu sein. Das ist ihre Strategie, wie mir einmal ein schwer kranker Patient erklärte, um sich nicht isoliert zu fühlen. Sie organisieren oft stundenlang. Sie mailen und telefonieren. Mit Ämtern, Sozialbehörden, Behinderteneinrichtungen, mit Arztpraxen und Krankenkassenberatern. In ihnen tickt die Zeit. In manchen therapeutischen Sitzungen wird statt geredet mehr geschwiegen. Beide, Patient und Therapeut, sind beklommen, und gelegentlich besteht die einzige Aufgabe darin, dies gemeinsam auszuhalten.

Beim Abschied von solchen Patienten fühle ich oft großen Respekt. Manchmal denke ich noch nach Jahren an sie: ob sie noch leben, ob sie gestorben sind. Und wünsche Ihnen, dass sie Helfer hatten. Helfer sind alle Menschen, die es wagen, sich nicht aus dem Staub zu machen.