Vom ewigen Wiederholen

Vom ewigen Wiederholen

 

 

 

 

 

 

Neulich sagte eine Patientin zu mir: „Das ist ja voll die Spirale!“, sie meinte das, weil sie wieder einmal nicht zu ihrer eigenen Meinung gestanden war, sondern sich angepasst hatte in einer Diskussion unter Freunden. Immer wieder hatte sie in ihrem jungen Leben feststellen müssen, sich anderen Meinungen unterworfen zu haben – egal ob es um die Frage ging, ob man Jeans mit Löchern bei einer Hochzeit tragen könne, die Todesstrafe gut heißen oder zuviel Bier trinken cool finden dürfe. Und immer wieder gerieten wir in den Therapiesitzungen an diesen Punkt, bei dem sie sich selbst dann wüst als „persönlichkeitslos“ beschimpfte. Es war (wie so oft) dabei stets das gleiche Grundthema, ein Thema und seine Varianten.

Sich-Wiederholen kann quälend sein. Man denke nur beispielsweise an Muscheln mit Weißwein jeden Tag, eine Klasse wiederholen müssen oder auch festzustellen, dass man nach Jahren intensiver Partnersuche schon wieder auf eine Vollschlampe gestoßen ist, wie bereits beim letzten und vorletzten Mal.

FREUD hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie es eigentlich erklärbar sei, dass wir Mensch unsere Neurosen immerzu wiederholen, obwohl wir doch darunter leiden. Manche Patienten entschuldigen sich sogar und werden der Regel untreu, das, was ihnen in der Sitzung einfällt, auch zu berichten. Dann sagen sie „ich wollte nicht schon wieder damit anfangen, ich hab´ das Gefühl, ich wiederhol´ mich“. „Das ist ja wie mit einer Spirale, immer dieselbe Windung …“ und doch, tröste ich dann, geht es aufwärts, die Spirale hat eine dritte Dimension, nämlich nach oben, und die vermeintlich exakt gleiche Drehung findet in Wirklichkeit eben doch eine Etage höher statt. Weil man mehr verstanden hat inzwischen und mit Argusaugen aufpassen und früher eingreifen kann.

Die Gründerväter der Psychoanalyse haben also ziemlich herumgegrübelt bei der Erklärung dieses Phänomens. Sie haben zunächst den uns innewohnenden Todestrieb dafür verantwortlich gemacht; außerdem wurde überlegt, dass es wohl einen Trieb geben müsse, Dinge, die in der Kindheit mies gelaufen seien, später wenigstens selbst einzufädeln. Nach dem Motto, wenn Du den Feind schon nicht bekämpfen kannst, gib´ ihn als freiwillig produzierte Eigenmarke aus. Es gab später noch die Theorie, dass es dem Ego eines vom Wiederholungszwang Befallenen gut tun könnte, den Wiederholungszwang, wenn schon da wie ein ungeliebter Kaktus, wenigstens zu pflegen. Sozusagen seufzend zu sagen: „Immer gerate ich an die falschen Männer!“ – das ist besser als nix. Ein selbstkonstituierendes Moment, könnte man sagen.

Kehren wir zurück zur Frage, wie sich ein solches Phänomen bessern lässt. Schlussendlich haben sich FREUD und seine Schüler in therapeutischer Hinsicht zum geduldigen Durcharbeiten entschieden. Das ist ja auch der Grund, warum sogenannte aufdeckende Psychotherapien oft lange dauern. Immerhin haben die analytischen Durcharbeiter den Urheber der einfachen Spirale, das antike Mathegenie Archimedes, gefühlt an ihrer Seite. Es sei bescheiden angemerkt, dass seine Spirale, richtig angewandt, ein unentbehrliches Hilfsmittel zur Quadratur des Kreises ist.