Der Rat des Buddha

Buddhas Rat
Abgewandter Buddha, als Zeichen seines Protests gegen den Missbrauch seiner Artgenossen

 

Wenn du mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Stadt gehst, dann kannst du Buddha auf Schritt und Tritt begegnen. Er döst in Schaufenstern neben luxuriösen Kleinlederwaren, er steht Spalier in Fitnessstudios, beruhigt Gemüter durch stille, zumeist sitzende, Präsenz auf Schreibtischen und verdeutlicht durch sein Antlitz die Wirkung aufzubrühender Teebeutel; seine Brüder haben Einzug gehalten in die Foyers angesagter Wellness – Hotels, in lichtdurchflutete Büros von Immobilienmaklern und auf den Beckenrand öffentlicher Bade- und Saunalandschaften. Seine Cousins und Cousinen tummeln sich in Arztpraxen, zumeist zurückhaltend platziert, da sich dem obersten Gebot der Werteneutralität beugen müssend. Neulich sagte eine Teilnehmerin einer Supervisionsgruppe beim Bericht über eine besonders schwierige Patientin, die ihr alles abverlangte, vor allem Geduld: „Jetzt verstehe ich, warum in so vielen Psychotherapiepraxen Buddhas stehen!“. Und so kommt es, dass sie auch dort schweigsam herumstehen, hängen, sitzen oder liegen. Sie prangen als Ansichtskarte in verschwenderischer Farbenpracht in Drehständern vor der Bahnhofsbuchhandlung. Manchmal dürfen Buddhas Verwandte aber auch ganz groß rauskommen, als Phototapete oder XXL-Poster. Ich habe sie neuerdings auch in Vorgärten gesichtet, das müssen allerdings Buddhamutanten gewesen sein, die mit Gartenzwergen gekreuzt worden sind und einen befriedenden Einfluss auf etwaige Maulwürfe und Besucher verströmen sollen.

Wo du Buddha siehst, siehst du Stille. Buddha möchte zu dir kommen, er verströmt alles, was du brauchst. Vermutlich aufgrund dieser genialischen Fähigkeiten hält Buddha fast überall Einzug und wurde bereits in verschiedenen Kontinenten erfolgreich geklont. Er nimmt uns die Arbeit ab. Seine Präsenz rettet die Irdischen, so dass diese in Ruhe shoppen, sich schön machen lassen, Hotelgäste betreuen, burnout kriegen, Kreditverhandlungen führen und über die Alterssicherung nachdenken können. Er kümmert sich um den Rest.

Misstraue der Idylle. Ich glaube, er macht es gar nicht!  Buddhas Rat ist weise, zumeist einfach ausgedrückt und er hat die Eigenart, dem Ratsuchenden oft etwas Unerwartetes zu antworten. Würden wir ihn um Rat fragen können, wohin wir seine zahllosen Artgenossen platzieren sollen: er würde wahrscheinlich, völlig überraschend, sagen: „Nehmt sie alle weg, denn ihr sollt erkennen, dass ihr selbst tätig werden müsst.“ Buddha hat längst gecheckt, dass wir uns mit ihm die schwierigen Übungen des Lebens ersparen wollen.